Das Wochenbett verstehen & vorbereiten - Teil 1: Hilfreiche Tips für die Wöchnerin und das Baby
- 10. März 2023
- 8 Min. Lesezeit
Aus meiner Erfahrung als Mutter und Hebamme konzentrieren sich die meisten werdenden Mütter auf die aktuelle Schwangerschaft, was sehr verständlich und logisch ist. Und am meisten liegt der Fokus natürlich auf der bevorstehenden Geburt. Und was ich dann wirklich oft erlebe und selbst auch erlebt habe, ist die Erschütterung über die großen Herausforderungen, welche nach der Geburt von Kind und Plazenta folgen.
Dieser Artikel ist natürlich nicht dazu da, Ängste und Sorgen zu schüren. Er soll aufmerksam machen und Dir die Möglichkeit geben, Dich vorzubereiten. Um Rahmenbedingungen zu schaffen, die Pausen, Entspannung und Zeit zum Kuscheln bringen, Wohlsein fördern, Langsamkeit ermöglichen und viel viel Ruhe und Erholung mit gesundem Essen und Getränken schaffen.
Doch wie gelingt das? Und was passiert eigentlich, nachdem die Plazenta geboren wurde und damit das Wochenbett beginnt?
Lasst uns einen Blick auf 5 verschiede Beteiligte werfen:
In diesem Teil 1 geht es um die junge Mutter (die so genannte Wöchnerin) und das Baby. Um den jungen Vater, die eventuellen Geschwister und die eventuellen Haustiere wie Hunde und Katzen geht es im 2. Teil.
Im Allgemeinen, und besonders für die junge Mutter, ist es zunächst sehr wichtig zu schauen, wie die Schwangerschaft an sich und die Geburt selbst verlaufen sind, wie der Stillstart war, die emotionale Unterstützung. Ob noch Schmerzen von Geburtsverletzungen oder einem Kaiserschnitt da sind. Ist das Kind gesund, ist es bei Dir oder muss das Baby auf der Kinderstation behandelt werden? Fühlst Du Dich als Mutter getragen und gesehen? Konntest Du selbstbestimmt durch Schwangerschaft und Geburt gehen? Oder hast Du eventuell sogar ein Trauma erlitten?
Liest man dies alles, dann kommt einem sofort in den Sinn, dass man als Wöchnerin Ruhe braucht nach der Geburt, um allen Eventualitäten Raum für Verarbeitung und Heilung zu geben.
Und genau darauf möchte ich hinweisen und werde immer mal wieder einige Tipps dazu geben. Und es ist mir wichtig zu erwähnen, dass alles darf und alles Platz haben kann. Jedes Gefühl in dieser Zeit ist wertvoll und kann und sollte geäussert werden.
Wenn wir also mit der Wöchnerin anfangen, so müssen wir natürlich einen Blick auf die hormonelle Umstellung werfen, welche sicherlich für die grössten “Ups and Downs” in den ersten Tagen nach der Geburt verantwortlich sein kann.
In der Plazenta wurden über all die Monate Hormone produziert, von denen sich der Körper der Wöchnerin nun langsam entwöhnt und deshalb andere Hormone die regelrechte Oberhand gewinnen. Das dies zu (Gefühls-) Chaos führen kann, ist wirklich vorhersehbar und sollte mit viel Achtung und Respekt gehandhabt werden.
Sinkt also das Level der wichtigen Schwangerschaftshormone Progesteron und Östrogen ab und auch das “Kuschelhormon” Oxytocin ist nicht mehr in jener wortwörtlichen "Schwangerschaftsüberdosis" vorhanden, steigt das Prolaktin (Stillhormon) enorm an, welches die Milchproduktion antreibt, die Wachsamkeit für das Kind erhöht und deshalb und gleichzeitig eine Art Tunnelblick kreiert. Selbst der Vater produziert Prolaktin und wird somit auf “Kind programmiert”, der Schlaf wird leichter, man wird etwas vergesslicher, stellt Duschen tagelang hinten an, ist etwas duselig und benommen usw. Beim Stillen empfindet die junge Mutter plötzlich eins: Sie wird schläfrig (Prolaktin - Milchproduktion) und verliebt sich tiefst und immer wieder aufs Neue in ihr Baby (Oxytocin - Verlieben und Bonding sowie Milchfluss und Gebärmutterrückbildung). Doch mit dem Stillen muss es ja erstmal klappen. Der Milcheinschuss kommt dann, wenn die Schwangerschaftshormone, welche für die Produktion der Glückshormone Dopamin und Serotonin verantwortlich sind, einen Sturzflug machen. Die Milch fliesst und das Gefühlschaos beginnt. Die Brüste mögen weh tun, sind hart, das Baby kann nicht richtig ansaugen, die Nachwehen nerven, man ist übermüdet und vom “Geburts-High” abgestürzt. Dies ist allgemein mit dem sogenannten Babyblues assoziiert. Wir kennen dies auch. Weinende Wöchnerinnen, überfordert mit allem und dann auch noch oft überschneidend mit dem Entlassungstag aus der Klinik. Ziemlich ungünstig.
Hier schon einmal der Tipp: Wenn die Geburt gut verlaufen ist und Du eine Hebamme oder Doula hast, welche Dich zuverlässig zu Hause besuchen kommen kann, dann geh ruhig ambulant nach Hause. Daheim schläft, stillt, isst, lebt und liebt es sich einfach meist am besten (als junge Familie). Doch dies braucht natürlich eine gewisse Vorbereitung und darauf kommen wir später noch zu sprechen.
Eine junge Mutter ist energetisch “offen”. Auf den Philippinen lernte ich, dass sie von Kälte fern gehalten werden muss. Scheint einfach in einem tropischen warmen Land, doch Dinge wie Ventilatoren, gewisse kühlende Speisen wie Ananas oder andere rohe Gerichte waren ein NoGo. Und ich erlebte es doch tatsächlich mehrere Male, dass meine Wöchnerinnen Fieber bekamen und krank wurden und durch warme Tees, Speisen, Massagen und Wärmflaschen wieder heilten. Die Hilots (die philippinischen Geburtshelfer(innen) bestanden sehr darauf, dass nichts “Kaltes” in die energetisch offene Wöchnerin gelangte. Ich konnte das im eigenen frühen Wochenbett sehr gut nachvollziehen. Ich hatte durch die Hormonumstellung richtig Probleme, meinen Körper warm zu halten. Zwar schwitze ich wie nie zuvor und meine Kleidung und Bettlaken etc. waren ständig super nass, doch mir war auch sehr kalt und ich hatte ungelogen bis zur zweiten Woche immer meine Wollmütze auf. Dabei sei erwähnt, dass ich am Strand von Palawan gebar, einer heissen tropischen philippinischen Insel. Doch wie gesagt, es ist etwas Innerliches. So empfand ich es damals. Hier auf dem Foto sieht man, wie ich mich nach etwa 12 Tagen zum ersten Mal auf die Terrasse setzte und Laya und ich demnach zum ersten Mal als Mama und Baby draussen vor der Tür waren.

Ein Ritual der Hilots, ein weit verbreitetes Ritual übrigens auf der ganzen Welt, ist die “Schliessungszeremonie” bei welcher man unter anderem über einem Räucherwerk steht und der heisse Raum in Die Vagina und somit Gebärmutter gelangt und sozusagen “reinigt, räuchert und energetisch Heilung und Abschluss bringt”.
Energetisch offen zu sein, bedeutet auch, dass man eben nicht nur körperlich sondern auch emotional angreifbarer ist. Mein großer Rat an alle werdenden Eltern ist, sich nicht soviel vorzunehmen, nicht zu hohe Erwartungen an sich zu stellen, sich ausreichend und nahrhaft zu ernähren, sich viele Pausen zu gönnen und Besuch anfangs nur dann da zu haben, wenn diese ausreichend Essen für ALLE mitbringen und das Geschirr waschen, den Müll runterbringen, die Küche aufräumen, mit dem Hund gehen, die Einkaufsliste mitnehmen und erledigen. Was ich damit sagen möchte, ist, dass wir oft weit weg von unserer Kernfamilie die eigene kleine Familie gründen und Unterstützung nicht selbstverständlich durch die Eltern, Geschwister etc. vorhanden ist. Deshalb muss man sich organisieren und den Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen zu verstehen geben, dass man in “Baby Flitterwochen” ist und man wie John Lennon und seine Frau am liebsten einfach nur im Bett sitzen möchte und sich ausruhen und Liebe fliessen lassen will. Besuch darf kommen, doch in erster Linie als Unterstützung. Glaube mir, es lohnt sich, die ersten besonders frischen und wegweisenden Tage in Ruhe und mit allumfassender Unterstützung vergehen zu lassen.
Damit Raum bleibt für all das, was wir schon besprochen haben. Damit der Fokus nach innen geht, und somit Liebe in tiefster Form den Raum einnehmen kann. Denn sie will da sein, will sich einnisten in diese Familie. Das Kind bringt sie mit. Erlaube es ihr, sich an Dein Bett zu setzen und Dich festzuhalten, wenn Du das Gefühl hast, alles sei zu viel: Die Gefühle, das Neue, die Schönheit Deines Kindes, das Wunder, das Glück, die Angst, alles falsch zu machen und die große Sorge. Mit der Geburt Deines Kindes wird auch die Angst geboren. Nimm sie an, sie kann eine Freundin werden, eine wachsame Begleiterin.

Lass uns dem nächsten Beteiligten dieses großen Ganzen zu sprechen kommen:
Das Baby, dieses kleine Wesen, welches aus diesem geschützten Ort in diese neue Welt geboren wurde. Dein Kind muss so viele Dinge zum ersten Mal erfahren, so viele Eindrücke, und Sinneswahrnehmungen sind neu. Alles scheint anders. Doch eines ist gleich. Und das bist Du. Auch dies kann überfordern, die Einsicht, dass Du nun verantwortlich bist. Doch lasse Dich auf diesen Tanz ein zwischen Deinem Kind und Dir und Du wirst sehen, die Tanzschritte erlernst Du sehr schnell und bald gleitet Ihr gemeinsam über das Parkett Eures Lebens. Sich in sein Kind hineinzuversetzen, hilft. Wo kommt es her?
Es kennt, keine Trennung von Dir, keine Kälte, keinen Hunger, keine Stille, keinen Stillstand. Dein Baby wurde immer bewegt, selbst wenn Du geschlafen hast, hat sich Dein Darm bewegt und massierte es sanft. Dein Kind hörte immer etwas, vor allem Deinen Herzschlag und das Rauschen des Blutes durch Deine Adern. Dein Baby wurde durch die Nabelschnur ernährt, war von warmen Wasser umhüllt und kannte keine Schwerkraft. Geräusche nahm es gedämpft war, sah nie grelles Licht.
Und nun ist es da. Auf der anderen Seite. Sozusagen geschlüpft.
Und was ich Dir unbedingt raten kann, ist, um es allen einfacher zu machen: Ahme nach, was Dein Kind kennt. Geht es Deinem Kind gut, dann geht es Dir gut. Fühlt sich Dein Kind wohl, dann fühlst Du Dich wohl. Dein Baby erwartet, bei Dir zu sein. Immer. Zumindest in den ersten Tagen. Es ist lebensnotwendig, dass dein Kind Dich spürt. Dass es bei Dir schläft, Haut an Haut, Deine Atmung und Deinen Herzschlag verfolgt, um daran erinnert zu werden, was es hier tun muss: regelmässig Atmen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Studien haben gezeigt, dass Neugeborene manchmal so tief in den Schlaf fallen, dass ihre Atmung aussetzt. Schlafen die Kinder nun bei und mit den Eltern, dann werden diese Schlafphasen erst gar nicht so tief und die Kinder buchstäblich durch die Atemgeräusche der Eltern, den Herzschlag und den Bewegungen um sie herum zum Atmen animiert. Die Angst vor dem plötzlichen Kindstod hat Babys langsam aber sicher aus den elterlichen Betten verbannt und es ist ein Trugschluss, denn der plötzliche Kindstod geschieht meist in den eigenen Babybetten und nicht bei den Eltern (vorausgesetzt sie stehen nicht unter Einfluss von Drogen oder Medikamenten etc). Beobachte andere Säugetiere, wie diese mit ihren Babys umgehen und Du wirst verstehen, dass es keinen Sinn macht, ein Neugeborenes fern von Körperkontakt zu halten.
Ausserdem werdet ihr alle besser schlafen, denn, wie gesagt: “Geht es dem Kind gut, geht es Dir gut.” Schläft das Kind bei Dir ein, dann lass es liegen. Bring es nicht in sein Bettchen, um dann festzustellen, dass es dort wieder aufwacht und schreit. Es schreit, weil es weiss, wo es hingehört. Beginne den Tanz mit Deinem Kind. Und die Tanzschritte werden Dir leichter fallen, wenn Du Deinem Tanzpartner vertraust, Dich führen und leiten lässt von diesem kleinen Wesen.
Erziehung beginnt viel später. Hier im Wochenbett geht es um Vertrauen zu Dir als Mutter und das Vertrauen in Dein Kind. Glaube mir bitte, Du kannst dein Neugeborenes nicht verwöhnen mit Liebe. Und Verwöhnen bedeutet das Gegenteil von Entwöhnen. Es bedeutet, dass Du Deinem Kind etwas Zuviel von etwas gibt, was nicht gut für es ist. Es gibt nicht zu viel Liebe und Nähe im Wochenbett. Im Laufe dieses Tanzes zwischen Deinem Kind und Dir wird Dich Dein Kind von ganz alleine “verlassen” und mit der Geburt beginnt sein Selbständigkeit, von ganz alleine…Und durch das tiefe Urvertrauen, welches ein gehaltenes, getragenes, gestilltes Kind erfährt, wandert es mit Selbstbewusstsein und Neugierde hinaus in die Welt. Ganz von alleine geschieht dies. Dass wir unsere Kinder verwöhnen mit etwas, was lebensnotwendig ist, ist eine der mir am meisten aufstoßendsten Aussagen der alten Generation. Wir sind eine neue Generation und das ist wirklich gut so.
Für dieses Liebe- und Nähegeben braucht es Zeit und Raum, Ruhe und Platz, sich kennen zu lernen. Es heisst “Wochenbett”. Nimm es ruhig wörtlich und bleibe wochenlang (mit sanften Übungen von Deiner Hebamme oder Doula) im Bett mit Deinem Kind. Nichts ausser Stillen, Schlafen, gesund Essen und Kennenlernen hast Du zu tun. Trau Dich! Das schaffst Du und es lohnt sich so sehr. Je mehr du Zeit in diese erste Phase investierst, um so leichter werden Dir die nächsten Wochen, Monate, Jahre mit Deinem Kind fallen.
Es geht darum, eine stabile Basis zu schaffen, tiefe starke Wurzeln für den großen Baum des Lebens.

Es mag nun nach sehr viel klingen, doch schlussendlich möchte ich nur sagen, dass Ihr Euch vorbereiten könnt, indem Ihr viele Dinge auslagert. Dass Ihr Euch Raum und Zeit für Euer Baby nehmen solltet und Heilung und Verarbeitung auch seinen Platz verdient hat. Wie bereits gesagt, die Liebe, wie nie zuvor erlebt, wird bei euch einziehen und bitte stoßt sie nicht von der Bettkante, wenn sie spontan mal vorbeischaut, um ihren Zauber zu versprühen. Diese wundervolle Zeit kommt nie wieder und geht wirklich sehr sehr schnell vorbei.
Lies bitte hier weiter. In Teil 2 geht es darum, wie sich der Vater auf das Wochenbett einstellen kann und wie Geschwister und sogar vorhandene Vierbeiner auf den Neuankömmling vorbereitet werden können, um sich aneinander zu gewöhnen.
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