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Hebamme, bilde Dich fort! Als Geburtshelfer über den eigenen Tellerrand schauen

  • 26. Feb. 2023
  • 4 Min. Lesezeit

Mit Hebammen und / oder Geburtshelfern ist es ein wenig wie mit gutem Wein. Sie werden normalerweise besser über die Jahre. Doch was, wenn da von Anfang an bereits etwas gehrt, was den Wein verderben könnte? Was, wenn die junge Hebamme in ihrer Ausbildung oder während ihrer ersten Anstellung Dinge beigebracht bekommt oder missinterpretiert, welche sie engstirnig oder eingefahren werden lassen?

Sowas kann sehr schnell passieren. Ich möchte mit diesem Artikel niemanden angreifen oder Dinge verallgemeinern. Und eines muss ich auch klarstellen: Ich war da auch! Mir ist einiges in der Hebammenausbildung widerfahren, welches mich komplett verunsichert hat. Natürlich ist der Hauptgrund für “Nur so geht Geburt & Geburt ohne medizinische Interventionen scheint fast nicht möglich” die Angst vor Komplikationen und das Erleben von brenzlichen oder eben auch tragischen Situationen im Kreissaal (oder in der außenklinischen Geburtshilfe). Jede Hebamme verdient höchsten Respekt und Anerkennung. Und es ist eben auch sehr wichtig, sich zu reflektieren und immer wieder zu fragen, wie sehr man (noch) daran glaubt, dass Frauen aus eigener Kraft gebären können. Und das dies in Ruhe, mit Zeit, in Liebe und mit sehr viel Respekt geschehen muss.

Ich möchte ein wenig von meinem Weg erzählen und sicher ist dies nicht allgemein gültig oder vollständig, doch es ist ein Beispiel, wie man durch bestimmte zauberhafte Momente die Augen geöffnet bekommt.

Ein ganz großer Moment war, als ich zum Bespiel zum ersten Mal eine Frau im Vierfüßler habe gebären sehen oder als eine Zweitgebärende in ihrer heimischen Wanne ihr Kind empfing ohne jegliche Intervention der erfahrenen Hausgeburtshebamme (Lese bitte meinen Blogbeitrag zu “Vaginale Untersuchungen"). In einem weiteren Artikel spreche ich darüber, dass das Baby die Hebamme ist und wie es dazu kam, dass ich das schliesslich begriff.

Es war ein bisschen so, als hätte ich eine Schatzkiste. Meine ganz persönliche Hebammenschatzkiste, in der ich alles aufbewahrte, welches mich an meine eigene tiefe Überzeugung erinnern sollte. Niemand konnte mir das nehmen, auch wenn an der Kiste ganz schön oft herumgeschraubt wurde. Es war als hätte ich zwei Lernwege. Einmal den der Ausbildung und einmal den durch das echte Leben irgendwie.


Doch muss man nicht auch bereit sein, solche Paradigmenwechsel anzunehmen. Natürlich - voll und ganz. Es braucht eine Öffnung, evt. sogar eine Krise, einen Burnout, Verzweiflung, aber im allerbesten Fall braucht es nur eins: Neugierde. Und hoffentlich wird einem diese Neugier, mehr über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit und Elternsein (z.B. auch in anderen Kulturen) erfahren zu wollen, nicht bereits während der Ausbildung genommen.

Die teilweise wirklich schlimmen Erfahrungen, welche ich während meiner Hebammenschülerinnenzeit machen musste, wurden nur deshalb abgefedert, weil ich mich stetig weiterbildete, auf Fortbildungen für Hebammen ging, Bücher und positive Geburtsgeschichten las, Externate bei Hausgeburtshebammen machte, in Guatemala mit einer 83 jährigen Hebamme lebte usw. Dies rettete mein Vertrauen in die Natur und die Stärke von uns Frauen, natürlich und selbstbestimmt gebären zu dürfen.

Ich möchte über ein paar sehr verstörende Situationen während meiner Ausbildung in einer mittelgroßen Universitätsklinik berichten (welche teilweise eine monatliche Kaiserschnittrate von 60% hatte!!!).

Wir Hebammen kennen dies sicher.

Zum Beispiel eine Zweitgebärende mit Blasensprung ist gezwungen, im Bett zu liegen und sogar in die Bettpfanne zu pinkeln, während sie in aktiver Geburtsarbeit ist und ihr Körper förmlich aufschreit und aufstehen will, um das Kind zu bekommen. Da der Kopf des Babys bei Aufnahmeuntersuchung noch nicht ganz fest war, wurde hier auf das Horrorszenario “Nabelschnurvorfall” als mögliches Risiko verwiesen, welches aus reinem Machtmissbrauch und Ignoranz ausgespielt wurde. Nebenbei erwähnt, passiert ein Nabelschnurvorfall meist im Moment des Blasensprungs selbst, z.B. wenn man grundlos die Fruchtblase öffnet. Doch bis heute werden in der Bundesrepublik Frauen mit Blasensprung in Krankenwägen durch die Stadt in die nächste Klinik gefahren, weil sie erzählt bekommen haben, nach Blasensprung besser nicht (mehr) aufzustehen.

Ein anderes Beispiel ist, dass Frauen, welche nach schneller Eröffnungsphase des Muttermunds in der Übergangsphase “eine Pause machen”, mit PDA und Wehentropf zum Kinde “geprügelt” werden, weil es den Standard gibt, dass das Kind bei vollständigem Muttermund nach 2 Stunden geboren sein muss. Wer denkt sich sowas aus? Wie oft mogelt man als Hebamme dann und sagt dem Arzt, der ausführende Gewalt ist, dass der Muttermund nur “bis auf Saum” statt vollständig offen sei.

Oder Beispiele von Gebärenden, welchen förmlich auf den Bauch gesprungen wird, um den sogenannten Kristellerhandgriff zu vollstrecken, anstelle sie einfach mal in den Vierfüßler oder in die Hocke zu bringen, was das Becken in verschiedenen Ebenen öffnet und somit das Kind auch ohne diesen brachialen Eingriff geboren werden könnte.

Oder Frauen, welche alle zwei Stunden oft von mehreren unterschiedlichen Menschen vaginal untersucht werden, damit die Dokumentation stimmt und Eingriffe gerechtfertigt werden können.

Und ein anderer Klassiker ist der Fall, dass die Babys durch den Wehentropf, welcher aus Zeitdruck angelegt wurde, mit Stress reagieren und deshalb ein Kaiserschnitt gemacht werden muss.

So, jetzt reicht´s.

Fazit: Frauen müssen nicht entbunden werden.

Wir Geburtshelfer müssen lernen, uns zurückzuhalten. Geburt braucht Geduld und eine liebevolle Umgebung. Ich weiss, das bringt alles kein Geld. Die Gründe, warum die heutige Geburtshilfe ist, wie sie ist, liegen auf der Hand. Es ist nicht wirtschaftlich, nicht einzugreifen. Und wenn man ständig eingreift, passiert mehr Unerwartetes und Risikobehaftetes, was wieder zu mehr Eingriffen führt. Es ist eine Abwärtsspirale, die in manchen Fällen kein Ende nimmt.

Doch was tun?

Erst einmal haben es die Frauen in der Hand und wir als Hebammen haben die Pflicht und auch die Chance, Frauen so aufzuklären, dass sie einen selbstbestimmten Weg gehen. Und dies kann die Geburtskliniken nachhaltig verändern, werben diese ja förmlich um Gebärende. Empfehle ich einer gesunden Frau mit gesundem Baby eine Klinik, welche für sanfte und respektvolle Geburtshilfe bekannt ist oder schicke ich sie in die Klinik, welche mit ihrer hohen Kaiserschnittrate wirbt, was sie als vermeintlichen Sicherheitsfaktor ausgibt?

Es geht um Information. Und für informative Entscheidungsfindungen der Frauen sollten wir uns als Geburtshelfer fortbilden und immer wieder reflektieren, was unseren Beruf eigentlich ausmacht und wie unendlich bedeutsam Geburt eines jeden einzelnen ist.

Ich freue mich sehr, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Ich hoffe, ein paar Augen konnte ich öffnen und Dich evt. sogar dafür begeistern, mehr mit mir zu lernen und mehr über den Tellerrand zu schauen.

Ich biete Hebammenfortbildungen an (auch besonders für werdende Hebammen und natürlich auch Doulas), in den ich genau auf diese Scheuklappen hinweise und gemeinsam mit Dir hinterfragen will.


Falls Du mehr wissen möchtest, dann verabrede doch ein kostenloses Kennenlerntelefonat unter yourmidwifehour@gmail.com mit mir.

Ich würde mich wirklich sehr freuen!

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