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Sind vaginale Untersuchungen wirklich nötig?

16. Feb. 2023
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Feb. 2023

Es gibt Dinge in unserem Leben, welche uns einfach normal vorkommen, weil jeder sie tut und man es halt einfach so macht. Und dann wundern wir uns, wenn wir auf Leute treffen, oft außerhalb unseres Kulturkreises, die davon noch nie was gehört haben oder es instinktiv irgendwie von sichaus ablehnen. Sicherlich fallen Dir nun einige Dinge ein. Zum Beispiel, dass wir im Westen Toilettenpapier benutzen aber in sehr vielen, eigentlich den meisten Ländern der Welt, wäscht man sich mit Wasser. Komisch? Nein, einfach nur anders.

Was nun, wenn ich Dir sage, dass das routinemäßige vaginale Untersuchen während der Schwangerschaft keine weltweite Praxis ist? Dass es viele Länder gibt, wo man das nicht tut und dass besonders Geburtshelfer in verschiedenen nativen Völkern dies oft grundsätzlich ausschliessen.

Zum ersten Mal erlebte ich eine andere Form der “Geburtsüberwachung” mit einer 83 jährigen Hebamme in Guatemala, welche einem indigenen Volk angehörte. Während meiner Hebammenausbildung in Deutschland reiste ich während der Ferien für 6 Wochen nach Guatemala, um an einem Hebammenaustauschprogramm teilzunehmen. Es war so bereichernd. Ich beobachtete sie während einiger Hausgeburten in ihrem Bergdorf am Fusse eines Vulkans und nahm an ihrem Leben in ihrer Großfamilie teil. Bei den Hausgeburten fiel mir auf, wie wenig sie eigentlich tat. Das machte mich wirklich nachdenklich. Sie liess die Frau einfach machen, sie liess sie gewähren und in sich hineinhorchen. Sicherlich war da auch weitaus mehr Vertrauen bei den Menschen, da jene Geburten so oft in ihren eigenen Wänden erlebten. Doch was sie nie tat, war, vaginal zu untersuchen. Sie beobachtete und durch ihre langjährige Erfahrung, war ihr sehr schnell klar, in welcher Phase sich die Gebärende befand. Ich fand das faszinierend. Sie fragte mich manchmal, ob ich mal untersuchen wolle (sie wusste, dass die westlichen Hebammen das ´immer` taten) und mir wurde klar, sie hatte damit wirklich keine Erfahrung. Nach über 60 Jahren Geburtshilfe und Hunderten von Hausgeburten (auch Zwillinge und Steißlagen) keine vaginale Untersuchung. Ich war beeindruckt und tief geprägt. Auch bei meinen Externaten mit Hausgeburtshebammen im Allgäu und Freiburg und meiner Einarbeitungszeit im Geburtshaus Hamburg musste ich feststellen, dass extrem wenig untersucht wurde (und schon gar nicht in den Vorsorgeterminen). Im Vergleich zu dem, was ich in der Klinik eingetrichtert bekam, war dies ein großer Paradigmenwechsel.

Warum erzähle ich Dir das? Nunja, es ist ganz einfach. Vaginale Untersuchungen sind nicht besonders angenehm, außerdem sind sie Infektionsquellen und es gibt besonders in der Schwangerschaft keinen Evidenz basierten Grund, sie über sich ergehen zu lassen. Ich bin sehr für freie Entscheidung und Aufklärung. Und es ist Dein absolutes Recht, eine vaginale Untersuchung freundlich abzulehnen, einfach mit der alles entscheidenden Frage “Ist das wirklich nötig?”

Denn was der Arzt vorfinden würde, ist meist ein geschlossener Muttermund, der einfach in Ruhe gelassen werden will.*

Im Laufe meiner Hebammenarbeit und durch gesammelte Erfahrungen in verschiedenen Ländern wie Deutschland, Asien und Lateinamerika habe ich die Häufigkeit von vaginalen Untersuchungen extrem reduziert. Es gab einige Hausgeburten, in denen ich überhaupt nicht nach dem Muttermund getastet habe. Ich habe mich immer gefragt, was es mir in dieser Situation bringen würde und habe dies mit dem Risiko einer Infektion und dem allgemeinen Stören des Geburtsprozesses abgewogen.

Außerdem arbeitete ich mit einer Hilot, einer philippinischen Geburtshelferin auf der philippinischen Insel Palawan und jene konnte, das ist nicht erfunden, anhand des Erfühlen des Pulses am Handgelenk und Zeigefingers voraussagen, wie lange die Geburt noch dauern würde. Und glaube mir, sie hatte immer recht.

Auf dem Bild ist Nanay (Mutter, wie wir sie respektvoll nennen) zu sehen, während sie ihr kleines Wunder tut. Sie hat auch meine Geburtszeit super genau vorhergesagt. Lese dazu meinem Blogartikel „Helfende Hände“.

Mittlerweile kann ich instinktiv ziemlich genau spüren, wie weit sich die Frau in ihrer Geburt befindet. Und ob der Muttermund nun 4 oder 5 Zentimeter ist, entscheidet darüber nicht.

Es gibt etwa 4 Punkte, in denen man als erfahrene Hebamme recht gut einschätzen kann, wie weit eine Frau ist. Dies ist zumindest meine eigene Erfahrung. Zum Beispiel der Übergang von sogenannten Übungswehen zu aktiver Geburt. Wenn die Frau sich einfach mehr konzentrieren muss und sich mehr in sich zurückzieht bei den Wehen.

Punkt 2 ist die aktive Geburt um die “5cm Marke” herum, wenn viele Frauen sich übergeben müssen und stärkere Wehen sie überrollen. Dies ist of eine sehr wichtige Phase, in der “der Körper über den Geist” entscheidet und pures Zulassen gefragt ist. Und dann gibt es natürlich noch die Phase, wenn das Adrenalin reinkickt und die Gebärende einfach nicht mehr will. Sätze wie “Ich kann nicht mehr!” Oder “Wann ist es vorbei!” Sind wirklich keine Seltenheit und werden in allen Sprachen der Welt mit gleicher Intensität ausgesprochen. Um diese Phase herum ist der Muttermund fast offen.

Und natürlich der 4. Punkt ist, wenn der Druck zunimmt, wobei man sich da natürlich fragen muss, ob dies die Fruchtblase ist oder der Kopf des Kindes, was da Pressdrang auslöst.

Natürlich ist jede Frau verschieden und auch ich habe schon ein paar Überraschungen erlebt. Doch ich habe nie meine Entscheidung bereut, sparsam mit dem Tasten des Muttermundes umzugehen. Vielleicht ermutigt Dich dieser Artikel ja, einmal “Nein” zu sagen, wenn Du es unangenehm findest. Denn ich möchte Dir klar machen, dass dies wirklich Dein Grundrecht ist. Routinen müssen hinterfragt und den Bedürfnissen der Frauen und Babys angepasst werden.

Vielen Dank für´s Lesen!

*Sollten Frühgeburtsbetrebungen auftreten (vorzeitige Wehen, vorzeitiger Blasensprung, Blutungen), ist dies natürlich etwas anderes und dann macht das Tasten der Cervix und des Muttermunds natürlich sehr viel Sinn. Jedoch muss dabei sehr auf Hygiene geachtet werden, eben wegen der bereits erwähnten Infektionsgefahr.

Wenn Du mehr über mich und meine Angebote für Dich erfahren möchtest, dann verabrede doch ein kostenloses Telefonat mit mir, indem Du mir eine Email schreibst: yourmidwifehour@gmail.com oder schau Dich einfach etwas auf meiner Homepage um. Viel spannende Themen erwarten Dich in meinem Blog. Alles Gute und nur das Beste!


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